Irgendetwas ist immer

Der Gardasee gilt ja schon seit vielen Dekaden gemeinhin als beliebtes Quartier für den bergaffinen Fahrradfreund, der auch nichts gegen grob verblockte Wege einzuwenden hat. Doch mittlerweile muss sich das über Jahre und Jahrzehnte eingeschliffene Repertoire eben jenes Radlers grundsätzlich neu sortieren. Denn leider werden die Radfahrer aus kaum mehr als fadenscheinig zu nennenden Gründen von immer mehr der guten alten bekannten Wege hier ausgeschlossen. Somit muss man sich immer häufiger entscheiden, ob man sich als harmloser Freizeitsportler mit einem halben Bein ins Gefängnis begeben möchte oder sich doch lieber in gesetzestreuer Manier neuen Wegen zuwendet, die man natürlich auch erst einmal finden muss.

Um den gesetzestreuen Weg einzuschlagen, hatte sich Steffen akribisch vorbereitet und eine Handvoll neuer und vor allem erlaubter Tracks aufgetan. Eine dieser Touren führte uns die beschwerliche, wenn auch asphaltierte, aber eben mit steilen Rampen versehene Auffahrt der allseits geschätzten San Giovanni Tour hinauf. Am Bocca di Clef ging es dann aber links ab in einen nicht weniger steilen, aber dafür immerhin auch nicht mehr asphaltierten Anstieg. Die Älteren aus der Runde werden sich noch an die vor Jahrzehnten leichtfertig von Ute formulierte Streckenprognose erinnern, die von einem lediglich zu bewältigen Reststück von maximal dreihundert Metern sprach. Also quasi nur noch um die nächste Ecke. Die vermutlich längste nächste Ecke in der Geschichte der Streckenprognosen.

Der Blick über Arco

Am Kulminationspunkt erwischte uns dann leider doch das von Weitem bereits seit einer Weile drohende und grollende Regengebiet, so dass wir unsere mentalen und materialtechnischen Vorbereitungen auf die bevorstehende Abfahrt ein wenig beschleunigen mussten. Doch nur wenige Höhenmeter unterhalb des Einstiegs in den Singletrail erwischte es mein Material dann leider doch. Mit einem lauten Knall und einem anschließenden kurzen Zischen wähnte ich schon meine Vorderradfelge über steinigen Waldboden schrammen. Doch ein kurzer Kontrollgriff ans Vorderrad lieferte ein vollkommen unverdächtiges Resultat. Dramatischerweise kamen die unschönen Laute nicht aus dem Schlauch, sondern aus der Federgabel. Statt eines stolz über dem Reifen thronenden Lenkers verwandelte sich das Fahrrad in eine aerodynamische Rennmaschine mit tiefer gelegter Frontpartie.

Jetzt mag der mit allen Wassern gewaschene Mountainbike-Altmeister natürlich sofort rufen: „Damals sind wir noch viel steilere und noch sehr viel mehr verblockte Abfahrten komplett ohne Federung gefahren und das war auch nie ein Problem. Das ist doch alles Anstellerei von dieser verweichlichten technikabhängigen neuen Bikergeneration!“ Und man muss unumwunden zugeben: da hat er vollkommen recht. Dennoch drehte ich mein Rad um 180 Grad und trat die Rückreise ohne herausfordernde Trailabfahrt an. Tom erbarmte sich meiner und begleitete mich auf der belanglosen Heimfahrt. Immerhin war nicht die Bremse defekt.

Am Campingplatz angekommen musste der Schaden dann erstmal näher betrachtet und beweint werden. Mit den guten Erfahrungen nach der Bremsenreparatur am Ankunftstag war der erste Gang erneut zum Fahrradfachhandel Carpentari. Doch der winkte sehr schnell ab, da sie dort defekte Federgabeln auch nur zum Hersteller einschicken würden und die Reparaturdauer sich dadurch vermutlich bis in den nächsten Gardaseeurlaub hineinziehen würde. Als Alternative blieb zu diesem Zeitpunkt fast nur noch das Leihrad, um den Rest des Urlaubs wenigstens noch die eine oder andere interessantere Tour fahren zu können. Doch ohne selbst Hand an das Rad anzulegen, wollte ich mich natürlich nicht geschlagen geben. Also flugs die Dämpferpumpe geschnappt und auf gut Glück die beiden Kammern der Federgabel wieder unter Druck gesetzt. Und was soll ich sagen, das gute Stück hielt dem Druck stand und sah wieder aus als wäre nichts gewesen. Jetzt musste sich das Rad nur noch, sicherlich zunächst vorsichtig, im Gelände beweisen. Dieser Test wurde dann aber auf den Folgetag verschoben…

Der Rest der Gruppe kam dann nicht nur mit den Eindrücken einer neuen, aber dieser Tage an vielen Stellen rutschigen Abfahrt zurück, sondern auch mit einem ganzen Haufen von frisch angedockten Zecken, verteilt auf fast alle Teilnehmer der Abfahrt. Aber zur Belohnung gab es den fast schon obligatorischen Besuch der Eisdiele am Marktplatz von Arco. Den hatte ich mir allerdings nach der Tour leider nicht wirklich verdient. Das erste Eis am Gardasee musste also weiter auf mich warten.

Die böse Zeckenwiese mit dem schönen Fahrradherz
Der Gardasee im Abendlicht
Statistik

Ü5: 25.05.2021 -> 26.05.2021 in Torbole (162.639 km)

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